Hinterlandmuseum Schloss Biedenkopf

Textilhandwerk


Für das Hinterland hatten die Textilhandwerke über mehrere Jahrhunderte hinweg eine vorrangige Bedeutung.
Fortschritt und technische Neuerungen betrafen häufig zuerst die Gewerbe der Textilherstellung. Diese »Modernisierungen« zogen zum Teil erhebliche wirtschaftliche und soziale Veränderungen nach sich.


Vom Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert legten die Zünfte den handwerklichen Berufsständen strenge Regeln auf.
Das gab den Handwerkern einerseits eine gewisse Sicherheit, schränkte auf der anderen Seite aber auch deren individuelle Freiheit ein.
Dies prägte schon den "Auszubildenden", z. B. den Färberlehrling.
Wirtschaftliche und politische Veränderungen brachten den Handwerken Blütezeiten, wie etwa dem der Biedenkopfer Tuchmacher im 18. Jahrhundert, bisweilen aber auch den Niedergang.
 

Technische Neuerungen bei Werkzeugen
und die Mechanisierung einzelner Arbeitsschritte bedeuteten Arbeitserleichterungen und höhere Produktivität. Ein anschauliches Beispiel dafür ist die Einführung der Ledernähmaschine im Schuhmacherhandwerk.
Erfindungen neuer Maschinen und Geräte, wie beispielsweise des Strumpfwirkerstuhls, führten zur Entstehung spezialisierter Handwerke. Für viele derjenigen, die sich solchen Neuerungen nicht anpassten, konnte das den Verlust des Betriebes oder des Arbeitsplatzes und damit den gesellschaftlichen Absturz in die Armut bedeuten.


Das Kleidungsverhalten der Bevölkerung war früher wie heute dem jeweiligen »Zeitgeschmack« und seinen Wandlungen unterworfen.
Besonders deutlich ist dies an der Hutmode abzusehen. Die Hutmacher mussten ihre Kollektionen anpassen, denn »alte Hüte« verkauften sich schon immer schlecht.


Zur Selbstversorgung mit Lebensmitteln und als zweites Standbein in schlechten Zeiten unterhielten die Biedenkopfer Handwerkerfamilien, häufig bis ins 20. Jahrhundert hinein, eine Nebenerwerbslandwirtschaft.
In den Hinterländer Dörfern, in denen zum Teil sehr klein strukturierte Landwirtschaft als Erwerbsquelle nicht ausreichte, wurde das Stricken von Strümpfen in Handarbeit zum Neben-, im Winter oftmals zum Hauptgewerbe.


In diesem Geflecht von Abhängigkeiten, gesellschaftlichen Bedingungen und individuellen Möglichkeiten suchte der Einzelne seine Existenz zu sichern und sein persönliches Glück zu finden.