Geschichte der Stadt BiedenkopfIn Biedenkopf laufen Straßen aus dem Edertal, dem Perftal, dem oberen Lahntal und von Marburg her zusammen. Doch nicht als Handelsplatz, sondern zur Festigung der hessischen Westgrenze, zur Sicherung der Nordwestflanke, sind Burg und Stadt am Rande eines Siedlungskessels im Lahntal entstanden und Jahrhunderte hindurch verbunden mit der Entwicklung der Landgrafschaft. Bauzeit und Geschichte der älteren Burgteile, die heute zum Teil wüst hinter dem Schloß liegen, sind unbekannt. Der Burgfried über der Steilseite der jetzigen Anlage zeigt die Bauweise der Stauferzeit. Der Ort Biedenkopf ist zuerst 1232 in den Protokollen über Wunder am Grab der heiligen Elisabeth erwähnt, an dem auch sechs Biedenkopfer Frauen Heilung suchten. 1254 ist Biedenkopf zuerst als Stadt genannt.
Vor der Mauer lagen an der Lahn die Obermühle (worauf die Namensgebung Obermühlsbrücke noch hinweist) und die Untermühle nahe der beiden Brücken. Die Hütten der Färber und die Rahmen der Tuchmacher befanden sich ebenfalls außerhalb der Stadtmauer. 1340 erweiterten die Landgrafen die Bürgersiedlung durch eine Vorstadt vor den Mauern im Bereich des jetzigen Marktplatzes, der Hain- und Bachgrundstraße. Die Bewohner dieser "Neustadt stammten wahrscheinlich aus den beiden Dörfern Druckershausen und Gunzenhausen (heute wüst). Zu der Stadt gehörte das Alleinrecht auf Handel, das Recht auf einen Markt. Zunächst bezog sich das Recht auf die Durchführung von Wochenmärkten; dazu kam bald das Recht auf einzelne besondere Kram- und Viehmärkte. Ursprünglich fanden die Märkte vor der Kirche und dem "alten" Rathaus statt, aber schon sehr bald wurde der Marktplatz vor die Marienpforte in die Vorstadt (in den Bereich des heutigen Marktplatzes) verlegt.
An der Talstraße entwickelte sich der heutige Markt, die Hainstraße, und um 1415 das Hospital mit seinen ausgedehnten Bauten und der Kapelle inmitten weiter Ländereien. Die Hospitalkirche ist damit auch das einzige noch aus dem späten Mittelalter erhaltene Bauwerk der Stadt. In ihrem Chor mit gotischem Kreuzrippengewölbe sind Malereien aus der Renaissancezeit erhalten. Die Kanzel ist eine Renaissancearbeit. Von den Hospitalgebäuden, ehemals rechts und links der heutigen Hospitalstraße gelegen, ist nichts erhalten geblieben. Ebenfalls aus dieser Zeit stammt ein Fachwerkbau, das "Schenkbarsche Haus" (Bei der Kirche 8). Das um 1616 erbaute Haus hat seltsamerweise alle Brände der Stadt überlebt.Die alte Stadt war mancherlei Katastrophen ausgesetzt: Pestepedemien (1564/1611); Kriegswirren und Bränden: Innerhalb von nur 100 Jahren kam es zu drei Großbränden: 1635 brannten 2/3 der Stadt durch Brandstiftung nieder, 1647 plünderten kaiserliche Truppen drei Tage lang die Stadt und zündeten sie an. Der große Brand von 1717 ließ nur acht Gebäude übrig. Nach diesem Brand, der auch das Rathaus
nicht verschonte, wurde 1732 ein barockes Fachwerkgebäude mit Mansarddach
als Ersatz errichtet. An diesem Gebäude, dem heutigen Alten Rathaus
finden wir im 1. Obergeschoß eine typische Fachwerkkonstruktion:
den "Wilden Mann" oder "Hessenmann" (die Balken erinnern an einen Mann
mit gespreizten Beinen und erhobenen, seitlich ausgestreckten Armen). Diese
Fachwerkkonstruktion hatte sowohl statische als auch schmückende Funktion.
Im Kellergeschoß mit gotischen Spitzbögen konnte bei schlechtem
Wetter ein Teil der Markthändler hier seine Waren auslegen.
Die Fachwerkhäuser der Altstadt, die heute das Stadtbild prägen, stammen ebenfalls aus der Zeit nach den großen Bränden: Fast alle Häuser sind"giebelständig", d. h. sie weisen mit der Giebelseite zur Straße, so daß pro Haus wenig Platz verbraucht wurde, denn Platz war innerhalb des Mauerrings knapp. Nur die Häuser reicherer Besitzer stehen mit der Traufseite zur Straße. Durch die Lage am steilen Hang sind
oft zwei Eingänge in verschiedenen Stockwerken vorhanden: An der "Vorder"seite
führt der Eingang ins Untergeschoß, das ehemals den Ställen
vorbehalten war, und auf der "Rück"seite ins Obergeschoß mit
den Wohnräumen. Im frühen Mittelalter waren die Täler versumpft und schwer passierbar - die alten Handelswege verliefen deshalb auch überwiegend auf den Höhen oder an Hangstufen entlang, nicht durch die Täler. Ackerbau wurde auf den Höhen und Hängen betrieben. Wegen der schlechten Böden konnte die Landwirtschaft aber längst nicht alle Bewohner ernähren. Die dürftigen Gebirgsböden lieferten nur die Hälfte der Erträge der fruchtbaren Böden der Wetterau. Nur ganz wenige Bauern konnten sich Pferde leisten, fast alle bedienten sich der Kühe auch bei der Feldarbeit und Holzabfuhr. Daher war man schon seit dem ausgehenden Mittelalter darauf angewiesen, durch Handwerk und Gewerbe den überwiegenden Teil des Einkommens zu verdienen. Das handwerkliche Leben in Biedenkopf fand vor allem auf drei Gebieten statt: In Weberei, Gerberei und Eisenverarbeitung. Diese Gewerbe gründen sich ursprünglich auf heimische Rohstoffe. Die Blüte der Tuchmacherei fällt in die Zeit des Merkantilismus im 18. Jahrhundert. Ein Großteil der Produktion ging als Uniformtuch ans hessische Militär oder wurde auf den Märkten von Frankfurt und Köln verkauft. Die Bevölkerungszahl in jener Zeit der handwerklichen Blüte stieg auf ca. 5700 Einwohner (um 1775). Von den Nebengewerben, die die Tuchmacherei mit sich brachte, ist die Färberei für Biedenkopf am bedeutsamsten geworden. Neben einfarbigem Stoff wurden auch Buntdrucke hergestellt. Auch die Lederverarbeitung zählte zu den heimischen Gewerben: Am Wasser lagen die Lohgerbereien der Rot- und Weißgerber. Eine große Rolle spielte die Eisenverarbeitung: Am bekanntesten wurde die"Waldschmiede" bei Biedenkopf, die heutige Ludwigshütte (1531 erwähnt). Die wichtigen Standortfaktoren Erz, Holzkohle und Wasser lagen hier nahe beieinander. Im 16. Jahrhundert beginnt mit der Ausnutzung der Wasserkraft ein neuer Abschnitt in der Eisenerzeugung: Die Nutzung der Wasserkraft zum Antrieb der Gebläse ermöglichte es den Waldschmieden, ihre an festen Plätzen errichteten Schmelzöfen sorgfältiger und größer als bisher zu bauen. Die Hämmer frischten für die weitere Verarbeitung das Roheisen zu Stabeisen auf. Das Stabeisen war in der Zeit des 30 jährigen Krieges gesucht und ging nach Marburg, Rothenburg, Kassel und Frankfurt. Zum Schmelzen benutzte man bis ins 19. Jahrhundert Holzkohle. Im Anschluß an die Ludwigshütte blühte in der Umgegend das Schmiedehandwerk auf. Der Rückschlag kam in der Zeit der Napoleonischen Kriege, der Erfindung des mechanischen Webstuhls, der beginnenden lndustriealisierung. Nach 1815 begann die Auswanderung nach Amerika: Ein Fünftel der Einwohner ging nach Baltimore. Die Einwohnerzahl der Stadt sank auf etwa 3000 und erhöhte sich erst wieder durch Zuzug nach Ende des letzten Krieges. Aus den alten Gewerben entwickelten sich seit dem vorigen Jahrhundert kleine Unternehmen, Wollspinnereien, Gerbereien, am Anfang unseres Jahrhunderts aus einer Schlosserei der bedeutende Hallen- und Garagenbau. Nach dem Krieg siedelten sich neue Unternehmen an, darunter Gießereien und Kunststoffabriken, ohne daß Biedenkopf seinen Charakter verlor und Industriestadt wurde. Biedenkopf wurde 1832 Kreisstadt. Diese
Stellung verlor die Stadt durch die Verwaltungsreform 1974. Durch Zusammenschluß
mit den ehemals selbständigen Gemeinden Breidenstein, Dexbach, Eckelshausen,
Engelbach, Katzenbach, Kombach, Wallau und Weifenbach erhöhte sich
Biedenkopfs Einwohnerzahl auf knapp 15000 Einwohner.
Literatur: Biedenkopf, Burg und Stadt im Wandel der Jahrhunderte Karl Huth, Herausgegeben vom Magistrat der Stadt Biedenkopf 1977 |
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